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Umfrage

Ziele und Wege zur Wasserstoffwirtschaft 2030/2050

Deutschland will spätestens ab 2045 klimaneutral wirtschaften. Dieses Ziel hat die Bundesregierung mit der Novellierung des Klimaschutzgesetzes 2021 festgeschrieben. Wasserstoff wird beim Erreichen dieses Ziels eine wichtige Rolle übernehmen. Aus erneuerbaren Energien erzeugt, bietet er energie- und emissionsintensiven Bereichen eine klimaneutrale Perspektive. Gleichzeitig eröffnet Wasserstoff dem Wirtschaftsstandort Deutschland neue Wachstumsoptionen.

Damit die Politik den Rahmen für eine nachhaltige erfolgreiche Wasserstoffwirtschaft setzen kann, erarbeiten wir mit unserem Projekt „Wasserstoff-Kompass“ Entwicklungspfade und Handlungsoptionen als Grundlage für eine Wasserstoff-Roadmap der deutschen Bundesregierung. Hierfür wollten wir herausfinden, wie sich Stakeholder*innen aus Wirtschaft, Wissenschaft, öffentlicher Verwaltung und Zivilgesellschaft die deutsche Wasserstoffwirtschaft in den Jahren 2030 und 2050 vorstellen. Deshalb haben wir im Herbst 2021 die Stakeholder*innen-Befragung „Wasserstoffwirtschaft 2030/2050: Ziele und Wege“ durchgeführt.

Die vollständigen Ergebnisse präsentieren wir Ihnen hier im herunterladbaren Bericht zur Befragung

Ein Kurzdossier zu den Umfrageergebnissen rund um fördernde und hindernde Faktoren sowie um akzeptanzfördernde Maßnahmen können Sie ebenfalls herunterladen.

Ausgewählte Resultate der Stakeholder*innen-Umfrage

 

Weiterbildung und Vernetzung

Wir haben die Teil­nehmenden gefragt, wie not­wendig die Aus- und Weiter­bildung von Fach­kräften und die Ver­netzung von Akteur­*innen auf natio­naler, euro­päischer und inter­natio­naler Ebene ihrer Mein­ung nach ist. In Bezug auf diese vier Aspekte herrscht große Einig­keit: Je­weils mehr als achtzig Pro­zent der Be­fragten sehen eine zumin­dest bedingte Not­wendig­keit, wobei ein deut­lich höherer Anteil der Be­fragten die Aus- und Weiter­bildung von Fach­­kräften ohne Ein­schränk­ung als not­wendiger erachten als die Ver­netzungs­aktivi­täten (vgl. Abbildung 1).

In einem zweiten Schritt wurden die­jenigen, die eine Maß­nahme mit mindes­tens neutral be­wertet haben, nach der not­wendigen Dring­lich­keit dieser Maß­nahme befragt. Auch in diesem Punkt herrscht relative Einig­keit: Die deut­liche Mehr­heit der Be­fragten sieht in allen vier Fällen einen Umsetzungs­be­darf bis 2025. Lediglich bei der Ver­netzung auf inter­natio­naler Ebene wird etwas mehr Zeit einge­räumt: Hier sehen immerhin 17 Prozent einen Zeit­rahmen bis 2030. Dabei gibt es auch signifikante Unter­schiede zwischen den einzelnen Akteur­*innen: Mehr als drei Viertel der Befragten aus Groß­unter­nehmen sagen, dass sich die natio­nalen Netz­werke bereits 2022 bilden müssen, wohin­gegen Vertreter­*innen der öffent­lichen Ver­waltung (vgl. Abbildung 2b und 2d) an­teilig einen dring­licheren Bedarf bei der Ver­netzung auf euro­päischer Ebene sehen.

In dem Wunsch nach Ver­netzung spiegelt sich die Größe der Her­aus­forder­ung wider. Eine klima­neu­trale Welt lässt sich umso leichter und schneller erreichen, je ko­ordi­nierter gemein­same Lösungen gefunden und umge­setzt werden. Ob beim Auf­bau von groß­flächigen Ver­teil­infra­strukturen, der klima­neu­tralen Her­stel­lung oder der Speicher­ung von Wasser­stoff — über­all sind eine Viel­zahl von unter­schied­lichen Akteuren an einen Tisch zu bringen.

Wettbewerbsfähigkeit und Koordination

Der mittler­weile auch öffent­lich geführte Dis­kurs über die heraus­ragende Bedeutung von Herkunfts­nach­weisen von Energie­trägern, zum Beispiel in der EU-Taxo­nomie, spiegelt sich in den Umfrage­ergeb­nissen wider. Unter den Faktoren, die die wirt­schaft­liche Wett­bewerbs­fähig­keit fördern, und unter denen, welche der strate­gischen bundes­weiten Ko­ordi­nation dienen, waren für die Teil­nehmen­den die Her­kunfts­nach­weise für klima­neu­tralen und CO2-armen Wasser­stoff der wichtigste Faktor (für 83 Prozent der Be­fragten mindes­tens bedingt not­wendig, vgl. Abbildung 3). Auch weitere struktur­elle Maß­nahmen, wie etwa die Änder­ung oder Be­freiung von den staat­lich indu­zierten Preis­bestand­teilen (SIP) des Stroms für die Wasser­stoff­er­zeu­gung (79 Prozent) oder auch staat­liche Zu­schüsse und Dar­lehen für Wasser­stoff­projekte (77 Prozent), werden von einem Groß­teil der Teil­nehmenden befürwortet.

Während fast zwei Drittel der Teil­nehmen­den (63 Prozent) einen CO2-Preis von 100 Euro pro Tonne für not­wendig oder bedingt not­wendig er­achten (vgl. Abbildung 3), sehen das bei einem CO2-Preis von über 300 Euro pro Tonne nur noch etwas mehr als ein Drittel der Be­fragten so. Für nicht oder kaum not­wendig halten aller­dings auch nur 25 Prozent der Be­fragten diesen höheren CO2-Preis.

Ebenfalls ver­gleichs­weise groß sind die An­teile an Be­fragten, die der struktur­ellen Unter­stütz­ung von Hydro­gen Purchase Agree­ments (HPA) neutral gegen­über­stehen (24 Prozent) oder diese als bedingt not­wendig (34 Prozent) statt not­wendig erachten. Dieser Sach­verhalt ist des­halb inter­es­sant, da andere struktur­elle Förder­maß­nahmen von durch­aus größeren Anteilen an Be­fragten als not­wendig ein­ge­schätzt wurden.

Die Abbildungen 4 und 5 ver­deut­lichen, für wie dringlich die Be­fragten die Um­setz­ung dieser Maß­nahmen halten. Die betref­fende Frage wurde jeweils nur den Teil­nehmen­den vor­ge­legt, welche die ent­sprechen­de Maß­nahme als neutral bis not­wendig be­wertet hatten. In Ab­bildung 4 sind solche Maß­nahmen dar­gestellt, für die mindes­tens drei Viertel der Teil­nehmen­den eine Um­setzung bis spätes­tens 2025 als not­wendig er­achten. Neben den 4 wichtigsten Maß­nahmen zählen hier­zu auch eine über die CAPEX-Förder­ung hinaus­gehende OPEX-Förder­ung sowie ein CO2-Preis von min­destens 100 Euro pro Tonne.

Mindestens die Hälfte der Be­fragten aus öffent­licher Ver­wal­tung und Groß­unter­nehmen er­warten noch schnelleres Handeln: Die Um­setzung von Herkunfts­nach­weisen (Abbildung 4c) sowie einer über eine CAPEX- hinaus­gehende OPEX-Förderung (Abbildung 4d) müssten aus Sicht dieser Teil­gruppen bereits im Jahr 2022 erfolgen.

Für alle genannten Maß­nahmen wird eine Um­setzung bis spätestens 2030 erwartet (Abbildung 5), wobei die Ergeb­nisse unter­schied­lich deut­lich aus­fallen. Die Ein­­führung eines CO2-Preises von mindestens 300 Euro pro Tonne bis 2030 halten nur 66 Prozent für not­­wendig, die vollständige Dekarboni­sierung muss laut 57 Prozent der Befragten bis 2030 abge­­schlossen sein. Im Fall aller weiteren Maß­­nahmen sehen min­destens 79 Prozent die Not­wendig­keit, sie bis 2030 abzu­­schließen. Wieder interes­sant sind hier die Meinungen zu der struktur­ellen Unter­stützung von Hydrogen Purchase Agreements. Es zeichnet sich ein deutlicher Unterschied in der Einschätzung der Dring­lich­keit von HPA zwischen Befragten der öffentlichen Ver­waltung (82 Prozent dieser Teil­gruppe erwarten eine Um­setzung bis spätestens 2025) und Wissen­schaftler­*innen (nur 49 Prozent der befragten Wissen­schaftler*innen sprechen sich für diesen Zeithorizont aus) ab.

Hürden und Hindernisse

Erneuer­barer Strom ist der Flaschen­hals: 59 Prozent der Befragten er­blicken in den unzu­reichen­den Flächen für Strom aus erneuer­baren Ener­gien eines der vier größten Hinder­nisse für die groß­skalige, klima­neu­trale Erzeu­gung von Wasser­stoff in Deutsch­land (Ab­bildung 6a). Aber auch die fehlende Infra­struktur für die Ver­teilung von Wasser­stoff und eine unzu­reichende Zahl von Elektro­lyseuren sehen mehr als ein Drittel beziehungs­weise ein Viertel der Be­fragten als ein großes Hindernis.

Angesichts anderer Hinder­nisse gerät die Heraus­forderung des fehlenden Fach­perso­nals hier in den Hinter­grund — nur für 6 Prozent der Be­fragten gehört dieser Punkt zu den 4 größten Hinder­nissen. An dieser Stelle sei aller­dings an die in Abbildung 1 und 2 auf­ge­listeten Ergeb­nisse erin­nert, die so­wohl die Not­wendig­keit als auch die Dring­lichkeit von Aus- und Weiter­­bildungs­maß­nahmen nahe­legen. Beson­ders vor dem Hinter­grund des Fach­kräfte­mangels könnte dies einen künftigen Eng­pass darstellen.

Auch nicht zu unter­schätzen sind Fragen der Wirt­schaft­lich­keit: 72 Prozent der Teil­nehmenden wählten mindestens eine Antwort­option aus dieser Kate­gorie. Die geringe Wirt­schaft­lich­keit auf­grund von Investi­tions- und Unter­halts­kosten wird dabei deutlich als größtes Hinder­nis gesehen, während die niedrige Wirt­schaft­lich­keit auf­grund geringer Wirkungs­grade und die langen Investitions­zyklen jeweils nur von circa zehn Pro­zent der Teil­nehmen­den als nennens­wertes Hinder­nis beur­teilt werden (Abbildung 6b).

Mehr als die Hälfte der Teil­nehmen­den (57 Prozent) sehen erheb­liche Hinder­nisse auf dem Feld der Gover­nance, ins­beson­dere wird in diesem Zusam­men­hang der fehlende Rechts­rahmen für die Gewähr­leistung der Geschäfts­modelle im Ab­schreibungs­zeit­raum ge­nannt (vgl. Ab­bildung 6c). Auch hier wurden die 3 Ant­wort­möglich­keiten in der Kategorie von min­destens 10 Prozent der Teil­nehmen­den ausge­wählt. Im Gegen­satz dazu wurden nur 2 der Hinder­nisse in der Kate­gorie For­schung und Ent­wicklung (F & E) von mindes­tens 10 Prozent der Teil­nehmen­den aus­ge­wählt (vgl. Abbildung 6d).

Akzeptanzfördernde Maßnahmen

Die Bedeutung der erneuer­baren Energien und deren Ausbau für eine erfolg­reiche Ent­wick­lung der Wasser­stoff­wirt­schaft in Deutsch­land zeigt sich auch ein­drück­lich bei den Ergeb­nissen zu not­wen­digen akzep­tanz­fördern­den Maß­nahmen (Abbildung 7). 91 Prozent der Teil­nehmen­den halten im Hin­blick auf den Aus­bau erneuer­barer Energien akzeptanz­fördernde Maß­nahmen für (bedingt) not­wendig, davon er­achten 77 Prozent der Teil­nehmen­den ent­sprechende Maß­nahmen als not­wendig ohne Bedingung.

Einige Teil­nehmende sehen auch die Not­wendig­keit, Akzeptanz­förderung für Maß­nahmen anzu­stoßen, die in Deutsch­land politisch um­stritten sind. Dazu gehören etwa die Nutzung von Kohlen­stoff­ab­scheidung und -speicher­ung (CCS) bei Er­zeu­gung von Wasser­stoff durch Dampf­reform­ierung (von 47 Prozent der Befragten als (bedingt) not­wendig be­wertet, vgl. Abbildung 7), die Nutz­ung impor­tierten Wasser­stoffes aus Kern­kraft (30 Prozent) und die Nutz­ung von aus fossilen Quellen erzeug­tem Wasser­stoff (27 Prozent). Diese Sicht­weisen könnten darauf hin­weisen, dass die Be­fragten zumin­dest übergangs­weise eine große Lücke zwischen Wasser­stoff­bedarfen und er­warteter Verfüg­bar­keit von Wasser­stoff aus erneuer­baren ­Quellen erkennen.

Es ist aber nicht nur die Frage nach dem Ob, sondern auch die Frage nach dem Wann, die ein heraus­ragend hohes Votum erhält: Akzeptanz­fördernde Maß­nahmen für den weiteren Aus­bau erneuer­barer Energien sollten nach Meinung fast aller Teil­nehmen­der (95 Prozent) bereits im Jahr 2022 ange­stoßen werden (Abbildung 8a).

Bei der Ein­führung neuer Techno­logien ist die Akzep­tanz der breiten Bevöl­kerung wichtig. Diese ist häufig an Fragen der Sicher­heit ge­knüpft — eine Ein­stellung, die von den Teil­nehmen­den ge­teilt wird: 93 Prozent der Be­fragten sehen einen Bedarf an akzeptanz­fördernden Maß­nahmen bei Sicher­heits­fragen bis 2025 — 76 Prozent bereits für 2022 (Abbildung 8b). Ein weit­reichen­der Ein­satz von Wasser­stoff be­nötigt eben­falls eine groß­flächige Infra­struktur. Dring­lichen Bedarf an Akzeptanz­förder­ung sehen die Be­fragten auf diesem Feld eben­falls, auch wenn der Zeit­horizont hier etwas groß­zügiger be­messen wird: Immer­hin 41 Prozent ver­treten die Auf­fassung, dass die Akzeptanz­förder­ung für diese Neu­erung noch bis min­des­tens 2025 warten könne (vgl. Abbildung 8c).

Fazit

Unsere Umfrage macht deut­lich, welche Maß­nahmen die Teil­nehmen­den als beson­ders förder­lich erachten, welche Hemm­nisse aus ihrer Sicht abge­baut werden müssen und für welche dringen­den Maß­nahmen die gesell­schaft­liche Akzep­tanz er­höht werden müsste,  sofern der Auf­bau be­ziehungs­weise schnelle Hoch­lauf einer deutschen Wasser­stoff­wirt­schaft gelingen soll. Dabei fällt die hohe Dring­lich­keit auf, welche die Befragten der Um­setzung aller Maß­nahmen zu­weisen. Hier spiegelt sich wider, wie an­spruchs­voll diese vor Deutsch­land liegende Trans­formations­auf­gabe ist, welche ein extrem hohes Maß an Ko­ordi­nation, Effi­zienz und Kon­sens auf­seiten der rele­van­ten Akteur­*innen in Politik, Wirt­schaft, Wissen­schaft und Zivil­gesell­schaft erfordert.

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Der Wasserstoff-Kompass ist ein Projekt von acatech und DECHEMA. Gefördert wird das Projekt vom BMBF und vom BMWK.